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Anrufbus — soziale Mobilität

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An die

Stadt Traunstein – Agenda-Koordination
Rathaus
Frau Barbara Rassek
Stadtplatz 39
83278 Traunstein

03.07.2002

Anruf-Sammeltaxi

Liebe Freunde der Agenda,

wegen der Diskussion über das Anruf-Sammel-Taxi möchte ich auf eine sehr interessante Variante der sozialen Mobilität hinweisen: Den ANRUFBUS nach dem Volkswagen-Konzept. Im April ist im Forum Ökologie in Traunstein ein Film über dieses Verkehrsmittel vorgeführt worden.

Über das Für und Wider des öffentlichen Personen-Verkehrs ist ja schon viel diskutiert worden und Viele konnten sich bereits ein endgültiges Urteil zu den allgemein bekannten Formen der öffentlichen Verkehrsmittel bilden. Der ANRUFBUS aber ist neu. Neu im Sinne von unbekannt, wie sich bei der Vorführung beim Forum Ökologie herausgestellt hat.

Dabei gibt es das System seit fast 20 Jahren, es ist aber ständig weiterentwickelt worden zu einem jetzt konkurrenzlos bequemen, man kann sagen: luxuriösen, Mobilitätsgaranten. Seit 10 Jahren funktioniert es zum Beispiel in Leer, Ostfriesland. Dort bedient es 42.000 Einwohner in einem Gebiet von etwa 18 mal 18 Kilometern mit 130 Einwohnern pro Quadratkilometer. Es wird mit Computer und Satelliten-Navigation gesteuert und überwacht.

Das High-Tech-Land Bayern sollte nicht hinter Ostfriesland zurückbleiben. Wir haben einen Unternehmer gefunden, der den Anrufbus nach dem Volkswagen-Konzept im Chiemgau betreiben könnte und wollte. Seit zwei Jahren fährt er in Straßlach-Dingharting, südlich München. In der Gemeinde mit 2.500 Einwohnern macht er 1.100 Fahrten pro Monat.

Im Forum Ökologie ist die Information mit Begeisterung aufgenommen worden; seitdem reißt man sich in den südostbayerischen Kreisen darum, das Video sehen zu können. Frau Eschenbeck beim Forum Ökologie kann Ihnen sagen, wo es sich gerade befindet und wann Sie es ausleihen können.

Die bekannten Versuche mit den üblichen Anrufsammeltaxis, auch hier in unserer Gegend, können logisch nur zur Ablehnung führen, wenn man nicht von sehr starkem Idealismus getrieben ist. Der ANRUFBUS ist so gut, dass man gern auf das eigene Auto verzichtet.

Der ANRUFBUS ist nicht an eine Linie gebunden! Man wird vor der Haustür abgeholt (oder wo immer man mag). Und man kommt genau dort hin, wo man sein will, und da braucht man KEINEN PARPLATZ! Wenn Sie selbst nicht den Anrufbus nutzen wollen, lassen Sie Ihre Kinder damit fahren (oder wem Sie sonst zu Chauffeurleistungen verpflichtet sind) und machen sich ein paar schöne Stunden.

Mehr Informationen gibt es beim Forum Ökologie kontakt@forum-oekologie.org oder bei mir.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas P. Bittner

***

An die Chiemsee-Agenda-Gruppe

05.07.2002

Sehr geehrte Frau Berger-Stöckl,

herzlichen Dank für Ihre Nachricht. Sie haben recht: Der Anrufbus wird von der Öffentlichen Hand subventioniert. Wie auch der private Autoverkehr.

Die genauen Daten zu Leer – Ostfriesland und anderen Projekten bekommen Sie aus erster Hand von Herrn G. Heinzel oder Stellvertreter bei:

Volkswagen AG
Forschung, Umwelt und Verkehr
Brieffach 1774
38436 Wolfsburg
Telefon 05361-925455
Fax 05361-978794
E-mail anrufbus@volkswagen.de

Der Geschäftsführer der AnrufBus GmbH in Leer, Herr Meinders, ist unter 04952-937020 zu erreichen.

Informationen zu den Schweizer Anrufbus-Projekten gibt es unter 0041-31-3385720.

Es ist eine Dissertation über das Thema geschrieben und vom Erich-Schmidt-Verlag veröffentlicht worden; die habe ich aber selbst noch nicht gesehen.

Ihre Idee, den Anrufbus von den lokalen Taxi-Unternehmen betreiben zu lassen, findet hoffentlich offene Ohren; ich finde sie genial. Im Grunde ist es ja das Taxi-Prinzip, was beim Anrufbus nur etwas erweitert wird. Die Fahrzeuge sind größer und bequemer, und wenn mehrere Personen zur gleichen Zeit gleiche Wegstrecken zurückzulegen haben, kommen sie halt im Bus zusammen.

Die Kommunen bestellen Beförderungsleistungen beim Anrufbus und sparen Investitionen für Bus-Bahnhöfe, Haltestellen, Wartehäuser, Haltebuchten, Markierungen, Mehraufwand für Groß-Bus gerechten Straßenausbau, Behindertentransport. Die Fahrzeuge sind kleiner und kosten weniger als die üblichen Linienbusse in der Anschaffung, der Wartung und dem Energieverbrauch. Dafür kann die öffentliche (offene) Hand auch einen angemessenen Teil der Kosten tragen.

Gut, dass Sie erwähnt haben, dass der Anrufbus ein Zubringer zu den Linien-Verkehren sein soll. Das ist ganz wichtig. Es ist überhaupt nicht wünschenswert und sinnvoll, den vorhandenen öffentlichen Verkehrsmitteln Konkurrenz zu machen! Im Gegenteil: Durch den Zubringerdienst Anrufbus sollte der Linienverkehr gestärkt werde. Anrufbus ist nur sinnvoll zusammen mit Linienbussen und Eisenbahn, und auch die Buslinien sollten den Bahnverkehr ergänzen und fördern.

Und ich sehe auch für die Taxifahrer mehr Vorteile als Nachteile: Die bessere Auslastung der Betriebe, die Sie ja erwähnt haben und noch etwas: Der Mensch, der für sich entdeckt hat, dass das Leben ohne den Besitz eines eigenen Autos lebenswert und machbar ist, ist Stammkunde der Öffentlichen und der Taxis.

Dass Volkswagen selbst sich dieser Sache angenommen hat, deute ich als Zeichen dafür, dass auch die Automobil-Industrie ihren Frieden damit schließen kann. Für den Arbeitsmarkt soll der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel einen sehr positiven Effekt haben, ist vor Jahren erforscht worden. Diese Studie finde ich im Augenblick aber nicht wieder. Sie ist unter anderem veröffentlicht worden vom INFORMATIONSDIENST VERKEHR. Vielleicht weiß Wolf Drechsel von der GESELLSCHAFT FÜR FAHRGASTORIENTIERTE VERKEHRSPLANUNG im Expertennetz der UMWELT-AKADEMIE etwas darüber (Köhnstraße 54, 90478 Nürnberg, Tel. 0911-4719849).

Mit freundlichen Grüßen

Thomas P. Bittner

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